Making-of: Vom Foto zum Fotobild (2)

02.11.2016    

Im letzten Blog-Beitrag hatte ich begonnen, die Montage des Bildes „Im Lauf der Zeit“ zu beschreiben. Der Entwurf ist nunmehr skizziert und vier Montagefotos liegen bereit. Nach dem herbstlichen Baum musste ich etwas suchen. Da ich alle Fotos nach dem Speichern auf dem PC mit Stichwörtern versehe, fand ich recht bald einige geeignete Exemplare. Ich wählte einen Baum mit einem dicken Stamm und einer mächtigen Krone. So könnte auch der Hohlbaum einmal ausgesehen haben. Fotografiert habe ich ihn – natürlich auch auf einer Radtour – in der Nähe von Ebersberg.

Foto 5: Baum für den Hintergrund

Foto 5: Baum für den Hintergrund

Jetzt fehlt nur noch das Gras im Vordergrund.

Für eine gute Tiefenwirkung hatte ich es hinzugefügt. Ich fand geeignetes Gras mit einer passenden Struktur auf einem Foto, das ich bei einer Wanderung nahe der Ostseeküste nördlich von Greifswald aufgenommen hatte.

Foto 6: Gras für den Vordergrund

Foto 6: Gras für den Vordergrund

Damit liegen sechs Fotos für die Montage bereit. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich mit einem IT-Programm die Fotos zu einem Gesamtbild mit wenigen Mausklicks kombinieren könnte. Panoramabilder lassen sich ja bereits recht leicht mit den Bearbeitungsprogrammen aus mehreren Fotos erstellen. Photoshop bietet auch Funktionen, mit denen man automatisch inhaltsbasiert Flächen füllen kann. Aber mit der maschinellen Montage mehrerer Fotos zu einem Bild, das nur grob skizziert vorliegt, dauert es wohl noch einige Zeit. Und vielleicht ist das auch ganz gut so?

Im ersten Schritt kümmere ich mich um die Perspektive. Es lohnt sich, für diese grundlegende Arbeit Zeit zu investieren, weil das menschliche Auge perspektivische Ungenauigkeiten sehr schnell wahrnimmt. Um nicht immer wieder einzelne Fluchtlinien für jedes Foto neu zeichnen zu müssen, habe ich mir ein kleines Hilfsmittel geschaffen.

Fluchtlinienrosette

Fluchtlinienrosette

Die Fluchtlinienrosette liegt in einer eigene Datei als Vektorgrafik. So kann ich sie leicht für jede Fotomontage verwenden, indem ich sie über die zu montierenden Darstellungen lege. Die Vektorgrafik hat den Vorteil, dass sie verlustfrei beliebig skalierbar ist.

Angewendete Fluchtlinienrosette

Angewendete Fluchtlinienrosette

Zu einem stimmigen Bild gehören ein glaubhafter Lichteinfall und dazu passende korrekte Schatten. Mir fallen zwar falsche Schatten nicht sofort ins Auge. Aber wenn man ein Bild länger betrachtet, sucht man wegen der unterschiedlichen Schattenrichtungen nach mehreren Lichtquellen oder Reflektionen. Was bei der Studiofotografie erlaubt ist, wirkt bei Landschaften jedoch merkwürdig. Meist male ich die Schatten mit einem Pinsel so ein, wie ich sie mir vage vorstelle.

Manchmal sind die räumlichen Abhängigkeiten aber zu komplex. Ich weiß nicht, wie die Schatten aussehen müssen. In den Fällen greife ich zur aufwändigeren 3D-Darstellung. Ich konstruiere grob die wichtigsten Objekte in einer dreidimensionalen Abbildung. Anschließend kann ich die Lichtquelle beliebig positionieren und die Schattenwürfe verfolgen. Auf diese Weise habe ich den Baumstamm mit dem darunterliegenden Balken grob dargestellt. In dem für mich wichtigen Frontbereich lässt sich der Schattenwurf sehr gut ablesen.

Schatten nach 3D-Darstellung

Schatten nach 3D-Darstellung

Ich würde generell gern mehr in 3D machen. Nach einer solchen Schattensimulation bin ich jedoch immer wieder froh, das 3D-Modul im Bearbeitungsprogramm verlassen zu können. Nach meinem Empfinden ist es doch sehr aufwändig mit 3D-Werkzeugen zu arbeiten. Wenn man sich nicht laufend mit der Materie befasst, muss man sich immer wieder neu in diese komplexe Thematik einarbeiten.

Zusätzlich zu Perspektive, Licht und Schatten gibt es weitere wichtige Elemente für ein stimmiges Gesamtbild. Die Objekte sind in der Größe aufeinander abzustimmen. Kontrast und Schärfe sollten einheitlich sein. Aber auch Tonwerte und Farbtemperatur sind für ein harmonisch wirkendes Bild wichtig.

Die fertige Photoshop-Datei besteht aus 140 Ebenen und hat eine Größe von 1,3 GB. Ich fasse im Bearbeitungsprozess nur selten Ebenen zusammen. Um die Übersicht zu behalten, gruppiere ich zusammengehörende Ebenen. Diese Arbeitsweise lohnt sich für mich, da ich insbesondere nach dem ersten Ausdruck immer wieder einige Korrekturläufe brauche und somit einfach zu früheren Bearbeitungsschritten zurückkehren kann. Ich genieße es, diesen höheren Aufwand der ersten Bearbeitungen im Nachhinein zu nutzen, indem ich bei den Korrekturen nur noch an Stellschrauben drehe. Ich muss keine der früheren Prozessschritte aufwändig nachvollziehen, sondern verändere z. B. nur die Deckkraft einer Ebene oder reguliere die Kantenschärfe einer Maske. Für die gesamte Bildkomposition benötigte ich von der ersten Skizze bis zum letzten Korrekturdurchlauf der Ausdrucke 20 Stunden.

Im Lauf der Zeit / 2013

Im Lauf der Zeit / 2013

Es hat mich gefreut, dass auch anderen das Bild gefallen hat und es bei einigen nationalen und internationalen Fotowettbewerben prämiert wurde. Wenn ich heute auf das im Jahr 2013 erstellte Bild schaue, finde ich die dramatische Perspektive immer noch gut gelungen. Aber stimmt die Bildlogik ganz und gar? Passt das saftige grüne Gras im Vordergrund eigentlich zum blattlosen Baum im Hintergrund? Über diese Frage denke ich jetzt mal nicht weiter nach.

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