Fine Art Print macht Kunst geschwind (4) –
Meine sehr persönliche Meinung

18.10.2019    

„Jetzt habe ich es geschafft. Ich werde als Künstler angesprochen.“ So beginnt mein Beitrag mit dem Titel „Amateurfotografen sind keine Künstler“ ( zum Beitrag ).

Fotografen-Falle #4
Fotografen-Falle #4

In dem Beitrag setze ich fort mit den Worten: „Der Kurator einer Galerie bietet mir an, mein Bild „Fotografen-Falle #4“ auszustellen. Er rechnet mir vor, dass ich damit bis zu 2.000 € einnehmen kann.“ Ich komme aber in dem Beitrag zu dem Schluss, dass Amateurfotografen keine Künstler sein können.

Jetzt begegnet mir das Thema in ähnlicher Form beim Ausdruck von Fotos wieder. In den letzten Beiträgen habe ich versucht, die Entscheidung für Fine Art Papier oder Fotopapier fachlich neutral zu begründen. Es kommt halt auf das Ziel des Fotografen an. Aber gibt es für einen Amateurfotografen nachvollziehbare Gründe sein Bild durch den Ausdruck zu einem Kunstwerk aufzumöbeln? Aus meiner ganz persönlichen Sicht finde ich das ausgesprochen albern.

Mehr scheinen als sein. Wer ist gegen diese Versuchung gänzlich gefeit? Früher musste ein Fotograf viel Zeit investieren, bevor er die technischen Prozesse beherrschte. Die Technik der Fotografie war Herrschaftswissen. Dank des technischen Fortschritts kann heute jeder, der etwas Geld investiert, technisch hervorragende Fotos schießen. Aber muss sich ein Amateurfotograf dann auch noch dazu aufschwingen, Ausdrucke zu erstellen, die ihn zu einem vermeintlichen Künstler machen?

Beim Begriff „Fine Art Papier“ fängt die gewagte Überhöhung bereits an. Fine Art ist die englische Bezeichnung für bildende Kunst. Was will man mehr? Der Name macht allein schon deutlich, dass das auf Fine Art Papier gedruckte Bild ein Kunstwerk sein muss.

Das kommt den Papierherstellern gerade recht. Sie perfektionieren die Imagewirkung von Fine Art Papier und geben ihnen prachtvolle Bezeichnungen. Wer kann bei den Papiernamen „William Turner“ und „Albrecht Dürer“ noch wiederstehen? Bei Hahnemühle wird die Zauberei perfektioniert. Auf der Website beginnt die Beschreibung der digitalen Fine Art Papiere mit der Überschrift „Turning Images into Art“. So leicht ist es. Gib mir dein Foto und ich verwandle es nur durch den Ausdruck in Kunst.

Vielleicht sehe ich das Ganze ja etwas zu nüchtern. Ich möchte mit einem Wandbild eine möglichst übereinstimmende Bildaussage zu dem am Monitor erarbeiteten Ergebnis erreichen. Das gelingt mir am ehesten mit Qualitäts-Fotopapier. Beim Fine Art Papier ist die Wiedergabequalität bei Schärfe, Kontrast und Leuchtkraft der Farben eingeschränkt.

Viele Verfechter des Fine Art Drucks entgegnen, dass sie ja genau das bei ihren Landschafts- und Porträtfotos erreichen wollen. Die Bilder dürfen nicht knackscharf sein, sondern das Motiv soll stimmungsvoll weich wiedergegeben werden.

Dazu passt wieder die typische Antwort: „Ja, aber.“ Aus meiner Sicht hat der Fotograf das Bild am Monitor in dem Fall falsch entwickelt. Das Zielbild entsteht am Monitor, auch die stimmungsvolle weiche Wiedergabe. Damit existiert für die unterschiedlichen Präsentationsformen ein verbindliches Basisbild. Ich muss den Ausdruck dann nicht aufwändig auf die passende Bildaussage hin trimmen. Drucken ist ohnehin ein komplexer Prozess. Da sollte man die papierbedingten zusätzlichen Änderungen von Schärfe, Kontrast und Farbe möglichst gering halten.

Das einzige rationale Argument, das für Fine Art Papier spricht, ist die Langlebigkeit. Im Gegensatz zu Fotopapier verfärbt es sich nicht so schnell und ist länger mechanisch stabil. Aber muss ein Amateurfotograf die Nachwelt länger als 20 Jahre mit seinen vermeintlichen Kunstwerken belästigen? Ich finde, die Haltbarkeit von Qualitäts-Fotopapier reicht für die Verwendung von Amateurfotos wahrlich aus.

Was ist mit der vielbeschworenen Haptik? Strukturierte Oberflächen stören mich eher. Gleichförmige Flächen ohne große Farbdifferenzierung wirken unnatürlich. Das fällt mir besonders bei der Abbildung eines Himmels auf.

Struktur in einem Fine Art Papier
Struktur in einem Fine Art Papier

Ach ja, die Dicke des Papiers habe ich noch nicht gewürdigt. Ein Fine Art Papier soll seinen eigenen Charakter auch durch seine Körperlichkeit erhalten. Wenn dem Fotografen das so wichtig ist, wird diese Freude nach der Rahmung schnell verfliegen. Das Glas dämpft die spezifischen Unterschiede wie Papierfarbe und Struktur der Oberfläche. Die Papierdicke ist nicht mehr zu erkennen. Das schwerere Papier lässt sich zwar etwas einfacher rahmen. Aber auch ein leichteres Papier mit einem Gewicht von 200 g/m² lässt sich sauber ohne Wellen mit Passepartout einrahmen.

Fine Art Papier stahlt eine künstlerische Anmutung aus, hat einen besonderen Charakter, besticht durch seine Körperlichkeit … Diese unzähligen wolkigen Begriffe überfordern mich. Ich finde keinen realen Bedeutungsinhalt. Fotopapier wird dagegen als billige Massenware abqualifiziert. Vielen Fotografen sei das zu viel Plastik …

Der Deutsche Verband für Fotografie (DVF) sieht sich als Synonym für die deutsche Amateurfotografie. Wie steht er zum Fine Art Papier? Hier hat sich Manfred Kriegelstein in der Meinungsbildung hervorgetan. Er tritt vehement für Ausdrucke von Fotos ein und propagiert Fine Art Papier. Im DVF-Journal beschreibt Manfred Kriegelstein an zahlreichen Stellen den Fine Art Print als einzig sinnvolle Möglichkeit für einen hochwertigen Druck. Eine neutrale Diskussion von Vor- und Nachteilen der unterschiedlichen Druckmedien finde ich nicht. Zudem fällt mir auf, dass Manfred Kriegelstein häufig den Namen der Papierfirma Hahnemühle einfließen lässt. Schließlich tritt er bei Fotoveranstaltungen wie den Laupheimer Fototagen und der Photokina für den Papierhersteller Hahnemühle auf.

Die Arbeit des DFV besteht hauptsächlich in der Ausrichtung von Fotowettbewerben. Bei der Beurteilung von Wettbewerbsfotos sollte es doch primär um Inhalt, Form und Bildaussage gehen. Nicht das schmückende Beiwerk, sondern der Eindruck vom Bild muss letztlich entscheidend für eine fachgerechte Beurteilung durch die Jury sein.

Beim DVF Portfolio-Wettbewerb 2018 mussten Fine Art Prints eingereicht werden. Eine derart skurrile Wettbewerbsregel ist mir bisher noch nicht untergekommen. Für Landschaftsfotos und Porträts könnte man das ja vielleicht noch akzeptieren. Aber bei Architekturbildern und surrealen Montagen kann sich Fine Art Papier sehr negativ auswirken. Ist beim DFV das schmückende Beiwerk wichtiger als Inhalt, Form und Bildaussage? Es ist selbstverständlich, dass das bedruckte Papier mit sauberen Rand und ohne Knicke präsentiert wird. Aber die Auswahl des Papiers muss man schon dem Fotografen überlassen.

Ein Fotoamateur sollten sich darauf konzentrieren, den Betrachter an die beabsichtigte Bildaussage heranzuführen. Auf Qualitäts-Fotopapier wird das am Monitor erarbeitete Zielbild passend wiedergegeben. Fine Art Papier schränkt die Wiedergabequalität ein. Die Vorteile dieses Papiers sind für Amateurfotografen nicht relevant. Es bringt ihn nicht weiter, sein Foto als Kunstwerk zu überhöhen und die Nachwelt damit zu beglücken. Der Glorienschein eines Künstlers bleibt ihm ohnehin verwehrt.

Viele Besucher von Ausstellungen interessieren sich neben der eigentlichen Bildaussage für den Herstellungsprozess. Sie stellen Fragen zur Kameratechnik, Bildbearbeitung und zum Ausdruck. Wenn sie mich zukünftig auf Fine Art Papier ansprechen, werde ich antworten: „Ich drucke nicht auf Lumpen.“

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