DOCMA Award 2019 (3) – Nighthawks von E. Hopper

14.01.2020    

Nighthawks ist mein Lieblingsbild von E. Hopper. Beim DOCMA Award 2019 habe ich mich mit einer Parodie auf das Gemälde beteiligt. Das Bild landet nicht auf den ersten Plätzen, wird aber in der Ausstellung gezeigt.

Nighthawks-Parodie in der Ausstellung

Warum habe ich mich gerade mit diesem Gemälde beschäftigt? Wie ist die Montage entstanden?

Ich fragte mich, wie Nighthawks aussehen würde, wenn Hopper über die heutigen technischen Möglichkeiten verfügt hätte. Um dies nachzuvollziehen, muss ich das Bild vollständig rekonstruieren. Ich darf also kein Pixel eines Fotos des Originals verwenden (zum Wikipedia-Artikel).

Stattdessen möchte ich die Abbildung aus einzelnen Fotos zusammensetzen. Wie soll das gehen? Die Bestandteile des Bildes gibt es ja nicht als passende Fotos von realen Objekten. Ich muss also Fotos verwenden, die den Bildteilen weitgehend ähnlich sind.

Dieses Rohmaterial passe ich mit den Mitteln der Bildbearbeitung für die Montage an. Bei dieser Menge ist das ein ziemlich verrücktes Unterfangen. Ich fange einfach mal an und komme mehrmals an einen Punkt, an dem ich aufgeben will. Nach einigen Unterbrechungen schaffte ich es dann doch bis zur Ziellinie.

Als mich die vollständige Rekonstruktion am Monitor anstrahlt, will ich wissen, wie es eigentlich Hopper bei seinem Gemälde ergangen war. Wie lange hatte er gebraucht? Gab es die Gebäude genauso in Realität? Ließ Hopper die Personen Modell sitzen?

Hopper hat für das Bild Nighthawks 6 Wochen gebraucht und es im Januar 1942 abgeschlossen. Seine Galerie verkaufte das Gemälde im selben Jahr für 3.000 $ an das Art Institute of Chicago, einem Kunstmuseum, das auch heute noch im Besitz dieses wohl bekanntesten Werks von Hopper ist.

Das Bild zeigt eine typisch amerikanische Kombination aus Restaurant und Bar, ein Diner in New York, 70 Greenwich Ave. In dem Gebäude befindet sich heute ein Blumenladen (1. Link auf Google Street View). In dieser Ansicht von Google Street View ist das Gebäude aus der gleichen Perspektive wie im Bild von Hopper zu sehen. Hier kann man auch den Eingang erkennen, der in Nighthawks fehlt. Viele Kunstexperten haben dies thematisiert. Sie interpretieren die fehlende Tür als Symbol dafür, dass die Gäste durch die Glasfront eingeschlossen sind. Ebenso wie der Barkeeper, der vom Tresen umzingelt ist.

Die ungewöhnliche Form des Gebäudes ist sehr gut in der Frontansicht erkennbar (2. Link auf Google Street View). Der Bau schiebt sich wie ein Schiffsbug durch die keilförmig verlaufenden Straßen.

Von hinten sieht man, dass es sich um einen kleinen Anbau an ein mehrstöckiges Gebäude handelt (3. Link auf Google Street View). Der Blumenladen wirkt wie verloren in der großstädtischen Umgebung. In den Erläuterungen zu seinem Bild erklärte Hopper, dass er das Lokal größer als in der Realität dargestellt hatte.

Die heute nicht mehr vorhandene Schrifttafel zeigt eine Werbung für Zigarren. Sie befand sich dort bereits seit den 20er-Jahren. Kleinere Lokale kennzeichnete man nicht mit dessen Namen, sondern mit dem eines Produkts, das dort verkauft wurde.

Hopper hat Nighthawks aus Einzelteilen „montiert“, also ein bisschen so, wie man es heute mit digitaler Bildbearbeitung macht. Der Hintergrund ist nicht authentisch. Die Straße war wesentlich breiter und zu der Zeit, in der Hopper das Bild gemalt hat, stand im Hintergrund ein Krankenhaus. Stattdessen fügte er eine Häuserreihe aus seinem Bild „Early Sunday Morning“ aus dem Jahr 1930 ein (zum Bild).

Die auffälligen Kaffeebehälter stammen aus Dixie Kitchen, einem Lokal in der Nähe, in dem Hopper oft verkehrte. Die Dame am Tresen ist, wie häufig in seinen Gemälden, seine Frau Jo. Die Männer am Tresen sind mit Hilfe eines Spiegels erstellte Selbstporträts.

Auf seine „Montage“ angesprochen, sagte Hopper, dass er ein urtypisches Diner nach seinen Vorstellungen malen wollte und das Bild nicht mit einem konkreten Ort identifiziert werden sollte.

Die Experten der Kunstwelt können zwei Rätsel nicht lösen. Was hält die Dame in der Hand? Ist es ein Spiegel, ein Zündholzbriefchen, eine Eintrittskarte oder etwa ein Sandwich? Das zweite Rätsel befindet sich hinter dem zweiten Fenster von links im Obergeschoss des hinteren Gebäudes. Schaut dort jemand heraus? Steht dort nur eine Vase oder ein Krug? Diese offene Frage nutze ich für meine Parodie. Ich löse diese Rätsel in meinem Bild auf.

Weitgehend einig sind sich die Kunstkritiker, dass Hopper die Vereinsamung und Leere der Menschen in der urbanen Welt darstellen wollte.

Link vom deutschen auf englisches Wikipedia
Link vom deutschen auf englisches Wikipedia

Ich habe in diesem Beitrag keine Reproduktionsfotografie des Originals eingefügt, sondern nur einen Link auf einen englischen Wikipedia-Beitrag. Das hat einen ganz speziellen Grund. In Deutschland ist Nighthawks noch urheberrechtlich geschützt.

Im deutschen Wikipedia findet man nur einen Link auf den englischen Artikel. Auch meine eigene Rekonstruktion darf ich nicht veröffentlichen. Im nächsten Beitrag schreibe ich über meine vergeblichen Versuche, dafür das Urheberrecht zu erhalten.

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