Meine erste Fotosequenz

13.07.2016     6 Kommentare

Im Tierpark Hellabrunn beobachtete ich einen Revierkampf zwischen Pelikanen. Eigentlich wollte ich auf dem schnellsten Weg zum Ausgang, weil die offizielle Öffnungszeit bereits überschritten war. Im Vorbeigehen bemerkte ich große Unruhe im Gehege der Pelikane. Einzelne Pelikane setzten mit den riesigen Schnäbeln zu Drohgebärden an.

Ich hatte die Kamera noch auslösebereit in der Hand und schoss intuitiv einige Reihenaufnahmen. So schnell wie das Intermezzo begonnen hatte war es auch wieder vorbei. Der Kampf wirkte wie ein eingespieltes Ritual. Mir fiel jedoch auf, dass einer der Pelikane den Kopf über längere Zeit merkwürdig seitlich verdreht hielt. Er gab mir damit die Chance, ihn in einem kleineren Ausschnitt aufzunehmen.

Erst als ich die Bilder zu Hause am PC sichtete, erkannte ich den Zweck dieser merkwürdigen Kopfhaltung. Der Pelikan hatte anscheinend genug vom Zank und hielt mit seiner äußersten Schnabelspitze den unteren Schnabel des Mitstreiters fest.

Bild 6: Halt den Schnabel #2

Bild 6: Halt den Schnabel #2

Daraufhin sah ich mir auch die anderen Fotos genauer an und beschloss, den Ablauf des Revierkampfs als Fotosequenz abzubilden.

In Fotoserien habe ich mich ja bereits versucht. Aber Sequenzen sind doch wesentlich spezifischer. Was ist eigentlich der Unterschied? In der Fachliteratur existiert bisher keine einheitliche Definition. Die Begriffe Serie und Sequenz werden in der Fotografie meist nicht differenziert.

Bei H. Mante habe ich eine konsequente Unterscheidung in dem Buch „Die Fotoserie“ aus dem Jahr 2014 gefunden. In Sequenzen stehen die Fotos in einer zwingenden Reihenfolge und sie werden stets in der gleichen Größe präsentiert. Serien zeigen ebenso thematisch und konzeptionell zusammenhängende Fotos. Bei Serien haben Fotografen jedoch wesentlich mehr Freiheiten. Fotos einer Serie können auch Bilder enthalten, die an unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Zeiten fotografiert wurden. Das Format muss nicht einheitlich sein. In einer Serie kann man auch Fotos ergänzen oder austauschen.

Dem erstes Foto der Sequenz mit der gespannten Ruhe gab ich den Titel „Lagebesprechung“.

Bild 1: Lagebesprechung

Bild 1: Lagebesprechung

Im 2. Foto reißt das Angreiferpaar auf dem strategisch günstigen Strohhaufen die Schnäbel weit auf.

Bild 2: Angriff

Bild 2: Angriff

Das 3. Foto zeigt eine verhaltene Gegenwehr des unteren Paares. Sogar der Kleine, der wohl der Anlass für den Streit ist, sperrt mutig etwas seinen Schnabel auf.

Bild 3: Verhaltene Reaktion

Bild 3: Verhaltene Reaktion

Dem hinteren Kämpfer des oberen Paares reicht es. Er klappt seinen Schnabel zu.

Bild 4: Genug

Bild 4: Genug

Der untere Streithansel des Angreiferpaares hat aber noch lange nicht genug und protestiert weiter. Das passt aber seinem Mitstreiter nicht. Er zwingt ihn mit einer geschickten Schnabelklammer zur Waffenruhe: Halt den Schnabel!

Bild 5: Halt den Schnabel #1

Bild 5: Halt den Schnabel #1

Ich habe den Hintergrund möglichst einheitlich gestaltet, um nicht vom eigentlichen Geschehen abzulenken. In den Originalfotos springt der Hintergrund wild hin und her. In der Hektik der kurzen Szene habe ich nur darauf geachtet, die Pelikane zu erwischen. Für ein Stativ war keine Zeit. Also habe ich den Hintergrund mit Lightroom und Photoshop angeglichen.

Der Auftritt dauerte nur 25 Sekunden. Als ich das Intermezzo fotografierte, bekam ich die Einzelheiten gar nicht mit. Auch wenn ich die Szene ohne Kamera beobachtet hätte, wären mir die Feinheiten wohl entgangen. Erst mit den Fotos konnte ich die Abläufe anschließend genau analysieren.

E. Muybridge fotografierte ja bereits im 19. Jahrhundert menschliche und tierische Bewegungsabläufe und war einer der bedeutendsten Vertreter der Chronofotografie, bei der Bewegungen oder Prozesse fotografisch dokumentiert werden. Es beindruckt mich immer wieder, wie vielseitig die Fotografie eingesetzt werden kann.

Jetzt bleibt nur noch die Frage, wer hat wen bei dem Paar auf dem Strohhaufen gestoppt? Das weibliche Tier, das aggressive männliche oder umgekehrt? Wer hat den stärkeren Schnabel und kann damit auch geschickter umgehen?

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Kommentare

  • Nico Lübben

    25.01.2021, 10:34 Uhr

    Schöne Fotos

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  • Solveigh Gruis

    26.01.2021, 10:40 Uhr

    Sehr schöne Fotosequenzen . Sehr schön an zusehen . Der Text ist ebenfalls sehr hilfreich das Thema zu verstehen.

    Antworten
    • L.Wiese

      26.01.2021, 21:16 Uhr

      Freut mich, dass Dir Bilder und Text gefallen. Werde es an die Pelikane weitergeben.

      Antworten
  • Michelle

    29.01.2021, 12:29 Uhr

    Das ist wirklich interessant wie die Pelikane sich Verhalten,und die Fotosequenz ist auch sehr Interessant.

    Antworten
    • L.Wiese

      29.01.2021, 21:48 Uhr

      Danke sehr. Wenn Du Dich für Fotosequenzen interessierst: Im Blog gibt es im Januar 2017 eine zweite mit einer Möwe, die mit einem Krebs kämpft.

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