Amateurfotografen und Profis –
Gursky hat bei einem Amateurfotografen gelernt

08.02.2017    

„Sind Sie Profi?“ Die Frage kommt für mich sehr überraschend. Auf der Eröffnung der von der Gesellschaft für Fotografie organisierten Ausstellung „100 Bilder des Jahres 2014“ stellt mir eine Besucherin diese eigentlich sehr einfache Frage. Ich antworte, dass ich seit fast 10 Jahren fotografiere, kein Geld damit verdiene und damit kein Profi bin.

Serie Lecker! / 2014

Serie Lecker! / 2014

Sie stellt dann einige Fragen zu der mit einem Preis prämierten Serie „Lecker!“. Ich erläutere wie ich zu dieser Serie gekommen bin und warum ich sie in dieser Art gestaltet habe.

Aus dem Heimweg erinnerte ich mich an die Frage, ob ich ein Profi sei. Ich hatte zwar prompt geantwortet, aber bei näherem Nachdenken fand ich, dass die Frage doch nicht so eindeutig zu beantworten ist.

Woran macht man die Unterscheidung von Hobby- und Profifotografen fest? An der Fotografie als Lebensgrundlage, einer institutionellen Ausbildung oder der Leistung? Schließlich hat Gursky seine erste Hochschulausbildung auch nur bei einem Autodidakten der Fotografie erhalten.

Amateur- und Profifotografie überschneiden sich immer stärker. M. Mettner, die zehn Jahre Chefredakteurin von Fotozeitschriften war und heute Fotografen berät, schreibt in dem Buch „Fotopraxis mit Perspektive“, dass die Trennung der Fotowelt in Amateure und Profis überholt sei. Es bestünde nur noch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen freien und kommerziellen Arbeiten und selbst dieser verschwimme.

Aus meiner Sicht bestätigt sich das auch bei der Betrachtung der einzelnen Unterscheidungskriterien. Immer weniger Fotografen können allein von der Fotografie leben. Dies gilt in unterschiedlichem Maß für die verschiedenen Anwendungsbereiche.

In der Porträtfotografie ist die Konkurrenz durch die Amateure besonders stark. Professionelle Hochzeitsfotografen klagen über die Konkurrenz. Ich habe auf der Website eines Hochzeitsfotografen eine Anleitung für die potenziellen Kunden gesehen, wie sie am besten Hobbyfotografen von Profis unterscheiden. Die 10 Tipps beginnen mit der Verfügbarkeit eines Fotostudio, gehen über die Kameraausrüstung mit vielen Objektiven bis hin zum Nachweis von Referenzen. Die ersten fotografischen Schritte als Kind werden geschildert und auch das Leistungsangebot als Trainer, eine institutionelle Ausbildung als Fotograf sucht man jedoch vergeblich. Ich vermute, der Profi, der von der Fotografie lebt und sich jetzt gegen die Konkurrenz aus dem Amateurlager wehrt, hat ursprünglich auch autodidaktisch als Seiteneinsteiger begonnen.

Selbst im Fotojournalismus ist die Konkurrenz von Amateuren zu spüren. R. Nobel, der an der Fachschule Hannover Fotojournalismus unterrichtet, rät seinen Studenten zur Mischkalkulation. Sie sollten die Arbeit auf viele Beine stellen, z. B. auch in dem viel besser bezahlten PR-Bereich. Insbesondere in der Reisefotografie drängten die Amateure auf den Markt, äußert er im Interview gegenüber c’t Fotografie.

Die institutionelle Ausbildung scheint auch nicht mehr so relevant zu sein. Dabei gibt es aber eine große Ausnahme. Die Fotokunst lebt nicht von der ohnehin nicht quantifizierbaren Qualität des Werks, sondern von anderen Komponenten. Dabei spielt die Vermarktbarkeit des Künstlers eine wichtige Rolle und dazu gehört eine einschlägige Ausbildung.

Ich kenne nur einen Fall, bei dem es ein Amateur zu einem anerkannten Fotokünstler gebracht hat. Und noch pikanter ist, dass  er auch Gursky bei seiner ersten Hochschulausbildung unterrichte.

Michael Schmidt war Polizist in Berlin und hat sich die Fotografie als Autodidakt angeeignet. Er gründete im Jahr 1976 die Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Kreuzberg und prägte mit ihr eine fotografische Bewegung. Bis zur Schließung der Werkstatt im Jahr 1986 fanden dort sogar einige Ausstellungen bekannter amerikanischer Fotokünstler statt, u. a. Robert Adams, Diane Arbus, William Eggelston.

In den Jahren 1979 und 1980 hatte Schmidt einen Lehrauftrag an der Universität Gesamthochschule Essen. Zu seinen Studenten gehörte auch Gursky, der bei ihm das Fach „Visuelle Kommunikation“ belegt hatte. Gursky bezeichnete Schmidt als seinen wichtigsten Lehrer, schreibt die Zeitschrift Monopol.

Was ist mit dem Unterscheidungskriterium Leistung? Die Technik der Fotografie verlangte früher viel Wissen und Geschick. Heute sind die komplexen technischen Vorgänge automatisiert, so dass sich der Fotograf auf Inhalt und Form seiner Fotos konzentrieren kann. Die Prozesse in der Fotografie sind kein Herrschaftswissen mehr.

Damit bestätigt sich, dass eine scharfe Trennung zwischen Amateuren und Profis nicht mehr möglich ist und die Unterschiede immer mehr verschwimmen.

In meiner Abhandlung „Amateurfotografie – nur ein Zeitvertreib?“ schreibe ich auch über einige Aspekte der Berufsfotografie. Im Kapitel „Alle Berufsfotografen wären lieber Amateure“ erläutere ich eine paradoxe Situation bei den Profis (zur Abhandlung). Sie streben danach, das, was sie wirklich bewegt, ohne die täglichen Kundenzwänge mit Fotos auszudrücken. Dies ist bei vielen Profis im Portfolio erkennbar. Neben den Referenzfotos platzieren sie häufig eine Rubrik „Freie Arbeiten“, in der meist kommerziell weniger bedeutende, künstlerisch orientierte Fotos enthalten sind und die je nach Branche manchmal auch zur persönlichen Werbung dienen.

Bilder der GfF-Ausstellung

Bilder der GfF-Ausstellung

Bei meinem Bild „Schwimmhalle“, das auch auf der GfF-Ausstellung gezeigt wurde, habe ich vier Fotos montiert. Mit der digitale Bildbearbeitung und Fotomontage ergeben sich weitere Aspekte zur Frage Amateur oder Profi. Weil die Ausbildung der Fotografen etwas nachhinkt und sich viele  berufstätigen Profis bei den IT-Tools nur wenig weiterbilden, findet man häufig Amateure, die sich auf diesem Fachgebiet besser als die Profis auskennen.

Ich erinnere mich an eine Sendung über Gursky im Fernsehen. Der gesamte Prozess von der Idee bis zur Präsentation wurde gut erläutert. Ich war aber sehr erstaunt, als der Prozessschritt Bildbearbeitung gezeigt wurde. Gursky saß neben dem Spezialisten für Photoshop am Monitor und gab ihm Anweisungen, wie er die Bearbeitung gerne hätte. Also liegt ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung beim Grafik-Designer? Oder ist der nur der verlängerte Arm des Künstlers?

Jetzt habe ich mir zwar einige Gedanken über den Status von Amateuren und Profis gemacht. Was antworte ich nun aber wenn mir noch einmal die Frage gestellt werden sollte: „Sind Sie ein Profi?“ Versuche ich es mal mit einer Gegenfrage: „Was verstehen Sie unter einem Profi?“ Dann könnte ich entsprechend mit Aspekten zu Erwerbsgrundlage, Ausbildung oder Leistung antworten. Das scheint mir jedoch zu kompliziert zu sein.

Ich könnte es mal mit der kurzen Antwort „Ja, ich sehe mich als Profi.“ versuchen. Das führt dann evtl. zu interessanten Diskussionen. Oder?

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